Stündlich rollen Züge und befördern Autos und Reisende. Die Marschbahn führt über den Hindenburgdamm direkt durch ein außergewöhnliches Ökosystem, das UNESCO-Weltnaturerbe Wattenmeer. Es bietet Millionen Zugvögeln einen Rastplatz, bevor sie in den Süden fliegen.
Klimaschonender Schienenverkehr
Als eine der ältesten Bahnlinien Deutschlands wird sie derzeit noch mit Diesellokomotiven betrieben. Zubringerzüge aus Hamburg müssen vor Erreichen der Strecke bei Itzehoe von Elektrolokomotiven auf Dieselpendants umgekuppelt werden oder Fahrgäste müssen umsteigen. Dieser Aufwand verursacht Mehrkosten und verbraucht Zeit im Fahrplan. Für eine nachhaltige Zukunft der Marschbahn wurde 2025 ein Projekt zur Elektrifizierung der mehr als 170 km langen Strecke gestartet. Davon erwartet das Land Schleswig-Holstein eine jährliche Einsparung von rund 15 Millionen Liter Diesel und damit 65.000 Tonnen CO₂.
Um dieses Ziel zu erreichen, braucht es eine moderne Planungsgrundlage, dafür wurden umfangreiche Messkampagnen gestartet. Plasser & Theurer war mit dem EM100VT von 3. bis 8. Juni 2025 im Einsatz. In dieser Zeit wurden insgesamt 210 Gleiskilometer vermessen und Daten gesammelt.
Digitaler Zwilling mit absolut verorteter Gleisachse
Bei Projekten wie der Marschbahn wären bis vor Kurzem noch aufwendige Streckensperren für Begehungen mit Messausrüstung erforderlich gewesen. Keine gute Option, wenn man bedenkt, dass damit der ohnehin dichte Fahrplan gestört wird. Die eingleisigen Abschnitte ließen auch keine Umfahrung zu.
Der EM100VT erledigt diese Arbeit ohne Unterbrechungen des Fahrplans. Mit bis zu 80 km/h fährt das Messfahrzeug die Strecke ab, ohne Menschen in den Gefahrenbereich zu bringen. Dabei sammelt es Daten aus unterschiedlichen Quellen. Mehrere 360-Grad-Laser scannen die Umgebung, hochauflösende Farbkameras bilden den Fahrweg ab, Georadar blickt bis 3 m tief in den Untergrund, berührungslos erfasst ein Inertialsystem mit Global Navigation Satellite System (GNSS) die innere Gleislagegeometrie, ein duales Kamerasystem vermisst in der Vorbeifahrt Festpunkte neben dem Gleis. Das Ergebnis ist eine detaillierte Punktwolke der Trassierung mit absolut verorteter Gleislage. Diese Genauigkeit macht den Unterschied. In diesem Modell können realitätsgetreu Masten gesetzt und Oberleitungen gespannt werden.
Sicher planen spart beim Bauen
Auch wenn die Messfahrt schnell erledigt ist, kostet die Planung Zeit. Es muss zwar niemand das Gleis betreten, weil das digitale Abbild alle Planungsdaten enthält. Doch die historische Bahnlinie hat einige Besonderheiten, die es zu berücksichtigen gilt. Dazu zählen Brücken, Unterführungen oder auch der Hindenburgdamm. Projektleiterin Kerstin Thomsen von der Firma OBERMEYER sagt: „An jeder Stelle müssen wir sicherstellen, dass der Boden die nötige Stabilität bietet. Bei komplexen Bauwerken wie Dreh- und Klappbrücken entwickeln wir maßgeschneiderte Lösungen für die Oberleitungen und prüfen verschiedene Ausführungsvarianten hinsichtlich ihrer Kosten.“ Für sie ist eine sorgfältige Vorbereitung entscheidend. Sie erklärt: „Die Planungsphase ist zeitintensiv, verursacht aber nur einen Bruchteil der Kosten. Die eigentlichen Bauarbeiten gehen schneller, sind jedoch finanziell deutlich anspruchsvoller.“